Von unserem Mitarbeiter Fred G. Schütz
Uwe von Trotha und Rupert Volz haben am
Wochenende auf dem Bärenbrunnerhof vorgeführt, wie man ganz unterschiedliche
Dichter und Denker unterschiedslos zusammenführt, daß sie heute
noch ängstigen.
Jetzt ist das mit Literaturabenden so
eine Sache. Meist steht da ein Schauspieler, gewohnt, lange und bedeutende
Sätze in günstigste Akustik zu setzen. Vol? und von Trotha gelingt
mit einem Taschenspielertrick, wozu der - zugegebenerfraßen kompetente
und einfühlsame Werner Schneyder eine ganze Erich-KästnerBiographie
brauchte - zu beweisen, daßErich Kästner (und mit ihm Tucholsky,Busch
und RingeInatz) brauchbare Autoren sind. (gemeint sind Dichter, deren Werk
bleibende Wirksamkeit haben könnte, würde es immer so vorgetragen,
wie es im ,,Satantierischen Literaturspektakel" auf dem Bärenbrunnerhof
geschehen ist.
Nicht etwa in der notorischen Deutschlehrer-Frage:
"Was kann uns der Autor heute noch sagen", sondern in der Weise, als die
Texte auch heute nicht eingelöst sind: Ihr drängender Schrei
nach Menschlichkeit, Aufrichtigkeit und Mut. Von Trotha und Volz setzen
diese Tradition auch mit eigenen Worten fort.
Es sei nicht verschwiegen, daß die
bisweilen dadaistische Präsentationsweise des Duos auch jene zum zustimmenden
Kopfnicken und politisch korrektem Ablachen verleiten mag, die Wasser predigen
und Wein trinken. Ein läßliches Risiko indessen, angesichts
der Tatsache, daß jeder Künstler Gefahr läuft, mißverstanden
zu werden, weil sich gute Kunst ja gerade durch Mehrschich-
tigkeit - oder sollte es Mehrdeutigkeit
heißen - auszeichnet. Allemal irritierend muß wirken, wenn
Volz, immer noch Mitglied der Abweichler-Band "The Blech", die ihr Debut-Album
1984 auf der Glashütte bei Lemberg produzierte, auf der Elvis PresleyAkustik-Gitarre
mit schrägen Tönen begleitet, Slide-Gitarre mit der zum Bottleneck
umfunktionierten Trompete spielt und dazu Gesang von un-
glaublicher Reinheit beisteuert. Von Trotha
spielt dazu den gelenkigen Tanzbär, formuliert Lyrik wie Prosa und
kommt auf dem Springball außer Atem. Das ist nicht unbedingt die
Spiegelgasse in Zürich, das ist nicht Balls ,,Cabaret Voltaire", aber
es ist vielleicht die Form, in der Lyrik präsentiert werden sollte,
die Unverdauliches im Bänkelton serviert.
,,Performance" hat sich als Standard-Begriff
für diese Art des Vortrags eingebürgert. Gemeint ist zumeist
mehr oder minder bedeutungstragendes Herumgehampele, während künstlerisch
Wertvolles ans Publikum gebracht wird. Volz und von Trotha sind vor diesem
Vorwurf eindeutig in Schutz zu nehmen. Wer es schafft, in der sedierenden
Wohnzimmeratmosphäre des Bärenbrunnerhofes ein offensichtlich
interessiertes und kundliges Publikum derart zu verunsichern, daß
es das Klatschen nach der Pointe vergißt und sich nur mit Lachen
vom Druck des Gesagten befreien kann, der ist sich seiner Effekte bewußt
oder der eigenen Intuition und Inspiration so sicher, daß auch dies
als Wille zur Form anerkannt und gewürdigt werden muß. Es gibt
nicht viele Vortrager, die ihre Texte ohne Mottenpulver in der Stimme präsentieren
können. Rupert Volz und Uwe von Trotha gehören zu dieser Ausnahme.
